Workflow für einen Werbefilm: Von der Pre- bis zur Postproduktion

Neulich wurden wir von Studenten der Hochschule Sankt Gallen angesprochen ob wir Lust hätten sie bei einem Projekt für ihr Studienfach „Design Thinking“ zu unterstützen. Dabei geht es darum für ein DAX-Unternehmen  ein nützliches Produkt zu entwerfen und bis zur Marktreife zu bringen. Sie werden dabei so gut es geht von ihren Dozenten und dem Unternehmen unterstützt. Die Gruppe aus 5 Studenten meldete sich bei uns weil einer von ihnen unsere Arbeit bereits von unserem Weddingfilm Stephanie & Florian kannte in dem er eine Rolle als feierlauniger Gast spielt. Unsere Aufgabe bestand nun darin, eine von den Studenten entworfene App zur internen Kommunikation der CIO’s der verschiedenen Ländervertretungen des Grossunternehmens untereinander den jeweiligen Vertretern in Form eines Filmes vorzustellen. Ebenfalls soll das Projekt und der dazugehörige Film an der Partneruniversität der HSG, der Stanford University, gezeigt werden.

Wie bei einem studentischen Projekt zu erwarten war ist das Budget praktisch nicht existent. Die Unkosten für Reise, Hotel und Essen wurden übernommen, plus ein kleiner Obulus der quasi mit dem Vorgespräch schon abgegolten war. Nichtsdestotrotz nahmen wir die Herausforderung an. Denn man lernt durch solche Projekte immer wieder neue Leute kennen und daraus können sich weitere lukrativere Aufträge ergeben. Zudem waren wir selber gespannt ob wir diese Herausforderung meistern würden denn wir haben zuvor praktisch noch nie einen komplett szenisch durchgeplanten Film gedreht.

Die Studenten sendeten uns via email die wichtigsten Fakten zum Film und den zwingend notwendigen Informationen die enthalten sein müssen um das Produkt und seine Features darzustellen. So konnten wir uns bereits vor dem ersten gemeinsamen Gespräch Gedanken zur Story machen. Bald trafen wir uns in unserem Office um nun gemeinsam die Geschichte um die zu enthaltenen Informationen zu stricken. Wir einigten uns schnell darauf dass wir keine einfache Darstellung der möglichen Funktionen haben wollten sondern dass der Umfang der App beispielhaft am Tagesablauf eines CIO’s dargestellt werden soll. Schnell waren alle zu demonstrierenden Funktionen in die Story eingewebt und notiert worden. Da wir nun im Groben wussten was wir filmen müssen konnten wir uns zu allererst die zu unserer Idee und Story passenden Musik heraus suchen! Für gewöhnlich ist http://www.themusicbed.com für uns die erste Anlaufstelle was Musik angeht. Und auch dieses Mal sind wir wieder hier fündig geworden. Ich suchte einige Tracks aus die wir den Studenten zum Probehören gaben und sie wählten ihre Favoriten aus. Die Wahl fiel dabei auf ein Stück mit klassischen Streichinstrumenten.

Storyboard Auszug

Anschliessend haben wir eine Tabelle im Word mit den Spalten Szenennummer, Bild, Beschreibung und Material, Ort, Zeit und Länge erstellt. In den Zeilen werden jeweils die geplanten Szenen aufgelistet. Nun muss man Shot für Shot genau vor dem inneren Auge ablaufen lassen und planen. Zur besseren Visualisierung haben wir für die Spalte Bild jeweils ein Bild heraus gesucht dass diese Szene gut beschreibt. Dazu eignet sich die Google Bildersuche hervorragend. Es ist auch keine Schande sich bei der Bildersuche Inspirationen zu holen wie man die geplanten Situationen filmt. Man muss nicht zwingend das Rad neu erfinden. Dabei achteten wir bereits auf die Schnitte und dass es einen flüssigen Übergang zwischen unterschiedlichen Tageszeiten und Örtlichkeiten über die Szenen hinweg gibt. Zeit und Länge konnte ich im Storyboard leider nicht mehr erfassen. Theoretisch war es so gedacht bereits die herunter geladenen Bilder fürs Storyboard in Premiere auf die Musik zu schneiden und so genau zu wissen an welcher Stelle und in welcher Länge jede einzelne Szene geplant ist. Aus zeitlichen Gründen war das jedoch nicht mehr möglich und so mussten wir uns auf unser Bauchgefühl verlassen. Was auch ziemlich in die Hose gehen kann. Es war geplant das Storyboard auszudrucken um es am Set problemlos umzuschreiben oder Notizen hinzuzufügen. Jedoch habe ich dies versäumt. Gut dass wir die digitale Version online hatten und wir so von unseren mobilen Geräten darauf zugreifen konnten.

So wie sich das Storyboard gestaltete planten wir insgesamt drei halbe und einen ganzen Drehtag ein. Anderthalb Drehtage fielen allein auf die Locations in München. Wir fuhren am Mittag nach München um bereits nach einem Spot für einen Zeitraffer am nächsten Morgen in der Nähe der Allianz-Arena zu suchen. Daraufhin drehten wir bereits am Abend die allerletzte Szene des Filmes vor dem Stadion. Dabei kam eine Canon 5D mk III mit 28mm Weitwinkelobjektiv auf einer Glidecam HD4000 zum Einsatz. Um den Ton werden wir uns bei den gesamten Dreharbeiten keine Gedanken machen müssen da der Film komplett ohne Originalton geplant ist. Natürlich nehmen die Kameras mit den internen Mikrofonen O-Ton auf der in der Not, falls wir uns doch umentscheiden würden, als minimaler Soundteppich unter der Musik völlig ausreicht. Am späten Abend gab es dann noch einen kleinen Abstecher in ein Münchner Steakhouse inklusive Fussball Liveübertragung des Championsleage Halbfinales.

Sunrise

Am nächsten Morgen verliessen wir gegen 4:45 das Hotel um pünktlich 5:30 an unserem ausgewählten Spot für den Zeitraffer vom Sonnenaufgang zu sein. Dies schafften wir wie immer gerade so. Wir stellten 2 Kameras mit Objektiven mit unterschiedlichen Brennweiten auf (16mm und 35mm) und fotografierten alle 2 Sekunden für eine knappe Stunde den morgentlichen Himmel. Dabei wurde in RAW fotografiert um später im Lightroom genügend Spielraum für die Nachbearbeitung zu haben. Leider fiel eines unserer Remote Controls aus was mich dazu zwang den Auslöser die gesamte Zeit manuell alle zwei Sekunden zu drücken da die Canon DSLRs nicht über einen internen Intervallometer wie Kameras anderer Hersteller verfügen. Anschliessend ging es in Richtung Innenstadt wo wir einige Aufnahmen von typischen Motiven machten um darzustellen dass der Film in München spielt da hier der Hauptsitz des Konzerns ist für den die App bestimmt ist. Anschliessend gab es ein kurzes Frühstück in einer Bäckerei mit einem kleinen Abstecher zum ARRI Hauptsitz in der Nachbarschaft mit der Hoffnung einen Blick auf deren hochwertige Technik werfen zu können. Aber ausser einer unspektakulären Hausfassade mit blauem Firmenlogo gab es rein gar nichts zu sehen.

Anschliessend sind wir ein wenig durch die Innenstadt gezogen und haben weitere Impressionen der Stadt gefilmt um B-Roll Aufnahmen zu haben die wir nutzen wollten um unseren Standort darzustellen. Dazu nutzten wir ein Dreibeinstativ und die Glidecam für bewegte Aufnahmen. Danach konnten wir endlich in die Firmenzentrale der Allianz um dort weitere wichtige Aufnahmen zu machen. Uns wurde für eine Stunde ein Konferenzsaal inklusive Mitarbeiter zur Verfügung gestellt um ein Meeting zu filmen. Später sind wir noch an verschiedenen Plätzen im Gebäude gewesen um Mobilität und Erreichbarkeit an verschiedenen Orten darzustellen. Am Ende fuhren wir noch mit unserem Darsteller im Wohngebiet umher um Aufnahmen im Auto zu machen. Nach einem langen Tag traten wir dann wieder die Heimreise an.

Tage später trafen wir uns erneut zu einem weiteren Dreh-Nachmittag zu Hause bei einem der Studenten. Wir wollten das Abendlicht nutzen um eine morgentliche Stimmung zu erzeugen. Uns fehlten noch die Aufnahmen vom Frühstück und dem Joggen am Morgen vor der Arbeit. Wir stellten ein Frühstücksszenario nach und leuchteten von aussen durch die offene Terrassentür mit unserem Dedolight in Richtung Tisch um eine aufgehende Sonne zu simulieren.  Nachdem wir diese Aufnahmen im Kasten hatten ging es in ein nahe gelegenes Waldstück um die Joggingaufnahmen zu machen. Dirk hat es sich im Kofferraum bequem gemacht und filmte von hinten aus dem fahrenden Auto heraus. Wir fuhren mal vorwärts und mal rückwärts um jeweils den Jogger von hinten und von vorn zu filmen. Zuletzt nutzten wir noch den Rest des Sonnenunterganges um die Szene des Einsteigens ins Auto und der Abfahrt zu filmen.

Processed with VSCOcam with hb2 preset

Processed with VSCOcam with hb2 preset

 

Nun hatten wir alle Szenen im Kasten und es ging in die Post. Da wir einen genauen Plan hatten wie der Film am Ende aussehen soll ging es mit dem ersten Grobschnitt recht schnell. Es stellte sich wie immer heraus dass es eine gute Idee war die einzelnen Szenen wirklich mehrmals zu drehen und Safeshots zu machen um dann am Rechner eine Auswahl haben zu können. Eigentlich hatten wir uns schon während der Dreharbeiten auf ein klassisches Musikstück geeinigt. Mit dem ersten Grobschnitt stellte sich jedoch heraus dass es überhaupt nicht passt. Wir haben uns dann für Nr. 2 auf unserer Musikliste entschieden. Ein flottes elektronisches Stück dass die Dynamik und Modernität der App unterstützen soll. Während der Arbeiten am Schnitt erstellten uns die Studenten den Chatverlauf als Photoshop Datei. Nun konnten wir diese in Premiere einfügen und animieren. Dazu teilten wir in den jeweiligen Szenen das Bild in Dritteln auf und verteilten es über mehrere Layer. Nun legten wir die Photoshop Dateien dazwischen und programmierten simple Bewegungen mit Keyframes. Das war eine ziemliche Fummelei, sah am Ende aber doch gut aus. Wir informierten jederzeit die Studentengruppe über den aktuellen Stand des Filmes indem wir regelmässig regelmässig renderten und auf Vimeo hoch ladeten und den Link in eine eigens angelegte WhatsApp Gruppe stellten. So konnten umgehend Änderungswünsche oder Jubelschreie angebracht werden. Zum Schluss gab es noch ein wenig NeatVideo zum Entrauschen und FilmConvert für den speziellen Look oben drauf.

 

Und hier kann man nun das endgültige Ergebnis bestaunen:

 

 

Grüsse, Stephan von Starshine Pictures

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Ein Kommentar

  1. Sehr interessant, liest sich wie ein spannendes Buch! 😉 Sehr neugierig bin ich auf die Post und wie ihr die Texteinblendungen gemacht habt.

    Gespannte Grüße, Jens

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